“Nicht weg und nicht da” von Anne Freytag und meine Gedanken zum Thema Suizid

Achtung, Triggergefahr

“Als wäre Tageslicht das Kryptonit der Ängste. Doch in der Dunkelheit lauert dann alles, was man verdrängt. Es wird wach, wenn man müde wird.” (Seite 135)

Spätestens ab diesem Satz hatte Anne Freytag mich. Ich habe vor einigen Wochen “Nicht weg und nicht da” gelesen, ein Buch (Affiliate Link), wo ich sehr lange überlegt habe ,ob ich es überhaupt lesen kann und möchte. Nicht, weil es mir zu dick wäre, mit seinen 480 Seiten, sondern auf Grund der Thematik.
Ein Jugendbuch mit schwerer Kost, mit so wichtigen guten Worten geschrieben, dass es alle Menschen lesen sollten, die auch nur annähernd in die Thematik involviert sind.

Wer schon länger hier liest, der weiß, dass ich bereits einmal das Thema Suizid thematisiert habe. Jetzt ist es wieder an der Zeit, weil ich nach wie vor das Gefühl habe, es ist ein Tabuthema. Aber warum? Doch dazu später mehr.

Rougerepertoire Suizid Nicht weg und nicht da Anne Freytag

Worum geht es in “Nicht weg und nicht da”?

(Achtung, ab jetzt enthält der Text mit Sicherheit Spoiler)

Luises Bruder sprang aus dem Badezimmerfenster und nahm sich auf diese Art und Weise das Leben. Ab diesem Punkt war Luise nicht mehr der Schatten der Familie, der Schatten neben ihrem bekannt depressiven Bruder, sondern nun war nur noch sie da. Die Stelle auf der Straße, wo er aufgekommen ist, die kann sie nicht betreten. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, sowohl von Luise, aber auch von Jacob. Jacob wohnt über der Praxis, in der Luise eine Therapie macht. Ihre Beziehung zueinander, die lange keine Liebesbeziehung war, aber dennoch geprägt von Wertschätzung, Verständnis und Fürsorge ist, wird von Beiden mit ganz ehrlichen, berührenden Worten beschrieben, ohne dass die eigentliche Geschichte in den Hintergrund rückt. (“Dieser Moment ist mehr als nur Vertrauen. Es ist wie ein Einrasten. Als würden wir so gehören. Als wären wir richtig.” (Seite 284) “Was ihr das bedeutet weiß ich nicht. Mir bedeutet es alles.” (Seite 317))

Die Beziehung zu ihrer Freundin Ming verändert sich sehr, weil Ming nicht weiß, wie sie mit Luise umgehen soll. Sie hat das Gefühl nur noch dafür angesehen zu werden, was ihr passiert ist, bzw. was ihr Bruder getan hat.
Luises Bruder hat alles ganz genau geplant und um Luise den Abschied zu erleichtern, hat er Emails vorbereitet und in die Zukunft geschickt, so dass Luise sie nach und nach erhält, mit Aufgaben, die es zu lösen gilt.
Die schwierige Mutter-Tochter Beziehung findet auch ihren Platz. Es wurde nie dramatisiert oder auf die Tränendrüse gedrückt, was mir sehr imponierte.

Der Umgang von Angehörigen ist sehr unterschiedlich

“Als wäre Tageslicht das Kryptonit der Ängste. Doch in der Dunkelheit lauert dann alles, was man verdrängt. Es wird wach, wenn man müde wird.” (Seite 135) Dieses Zitat, welches ich eingangs bereits aufgeschrieben habe, hat Gedanken von mir ausformuliert. Genauso ging es mir, was zum Glück nun schon viele Jahre zurückliegt. Denn genauso habe ich mich gefühlt, etwa ein Jahr lang.  Lange habe ich keine Dunkelheit ertragen, weil dann die Gedanken nach diesem Verlust zu laut wurden. Ebenso spiegelt es wieder, was ich auch erlebte, dass Menschen plötzlich nicht mehr wissen, wie sie mit mir umgehen sollen, dass um jeden Preis versucht wird aus Unsicherheit das Thema zu vermeiden.

Kürzlich, nachdem ich das Buch gelesen habe,  stellte ich mir die Frage, wie es wohl anderen “Betroffenen” geht und fragte vorsichtig bei Instagram in den Stories nach, ob jemand bereits Berühungspunkte mit dem Thema Suizid hatte und sich bei mir melden würde. Mein Postfach platzte innerhalb kurzer Zeit, was mich irgendwie kurzzeitig überforderte und zugleich sehr schlucken ließ. Ich wollte Antworten haben, wie es Anderen erging, ob sie alleine zurechtkamen, oder eine Therapie machten. Ob sie das Gefühl haben, Suizid sei ein Tabuthema. Hier soll es nicht darum gehen, dass ich euch eine wissenschaftliche Auswertung biete, sondern es geht um einen Einblick.

“Aber Schmerz ist geduldig. Genauso wie Wut . Und Vermissen. Und Einsamkeit. Sie warten einfach.” (Seite 174)

“Denk immer dran Lise, man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.” (Seite 220)

Suizid darf kein Tabuthema sein!

Das Buch hat mich noch einmal auf eine andere Art und Weise zum Nachdenken gebracht. Es wurden Phrasen aufgegriffen, die auch ich sehr gut kenne, weil die Menschen es nicht wagen, das Wort Suizid in den Mund zu nehmen. Doch nur weil man es nicht ausspricht, bedeutet es nicht, dass es nicht existiert. Und manchmal frage ich mich, ob sie nicht wissen, dass man selbst nicht die Person ist, die sich dafür entschieden hat. Nur, weil man selbst der Mensch ist, neben vielen anderen, der damit zurechtkommen muss, ist es doch falsch, dass man nicht darüber redet, nur um anschließend nicht anders wahrgenommen zu werden, oder nicht? Eure Meinungen und Erfahrungen waren dahingehend sehr unterschiedlich. Vielleicht liegt es daran, wer die Person war, die sich für den Freitod entschied, oder auch wie gestärkt der engste Kreis ist? Natürlich ist das kein Thema, mit dem man hausieren geht: “Schaut her, was mir passiert ist”. Doch sollte es nicht möglich sein, darüber sprechen zu können. Zu Mal ich behaupten würde, dass niemand einfach so zusammenhanglos davon anfangen wird, alleine schon um sich selbst zu schützen.

Vielleicht reißt es eigene Schutzmauern ein,
die man mit aller Kraft aufrecht erhalten möchte?

Der Tod gehört zwar zum Leben dazu, doch schlussendlich wird er mit der Beerdigung der Person begraben und es wird nicht mehr darüber gesprochen. Doch warum? Die Gegenfrage könnte lauten, warum sollte man darüber sprechen? Ich würde sagen, weil es zum Leben dazugehört. Alles hat einen Anfang, genauso wie ein Ende, auch wenn das Ende niemand sehen möchte.

Eure Antworten haben mir wieder einmal gezeigt, dass es kein Schema F gibt. Das jeder anders mit dem Verlust umgeht. Für die Einen kam er plötzlich, Andere wussten bereits von bekannten Depressionen. Bei wieder Anderen war es nicht der erste Suizidversuch und bei manchen blieb es “nur” beim Versuch der Angehörigen. Und auch damit muss man zurecht kommen, um nicht in ständiger Angst zu leben. Therapien haben von denen, die mir Antworten gaben ca. die Hälfte gemacht, sowie auch ca. eine Hälfte der Meinung ist, sie finden es ist kein Tabuthema.

Ich finde es zählt, dass man merkt: du bist nicht alleine damit. Das wird mir wieder einmal mehr bewusst, nachdem ich dieses sensible Thema in die Runde warf und bei Instagram auf wenigstens 3 Antworten hoffte. Das es weit über 70 sein würden, ich sogar irgendwann meine Frage löschen müsste, weil ich sonst nicht hinterherkommen würde, damit habe ich nie im Leben gerechnet und es waren nur die Menschen, die bereit waren, sich mir anzuvertrauen. Danke noch einmal an dieser Stelle!

Ein weiterer Artikel ist in Planung, doch fürs Erste soll es das an dieser Stelle sein.

Alles Liebe,
Tanja

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